

Leseprobe
Heute musste Clara Morelli zuerst ein Paket zur Post bringen und hatte danach einen Termin beim Kunsthändler Vittorio Visconti. Die Via Borgo, eine der mondänsten Straßen Asconas, führte sanft abfallend hinunter zur Piazza am See. Breiter als viele andere Gassen des Ortes – gesäumt von Galerien, Boutiquen, Ateliers und Restaurants, die bald die ersten Gäste empfangen würden. Der Duft von frisch gebackenem Brot und Kaffee lag bereits in der Luft, vermischt mit der Kühle der Nacht, die sich langsam verzog. Clara Morelli fiel auf – nicht allein durch ihre Erscheinung, sondern durch eine elektrische Spannung, die von ihr auszugehen schien. Die glänzenden Lackhosen betonten jede Bewegung ihrer Hüften. Darüber trug sie einen dunklen Kaschmirmantel, offen. Im Gehen gewährte er flüchtige Blicke auf ihre schmale Taille und den seidigen Stoff ihrer Bluse. Die Bluse selbst war tief aufgeknöpft, viel tiefer, als man es bei einem geschäftlichen Treffen erwarten würde – aber Clara hielt sich nie an Regeln, die andere aufgestellt hatten. Der feine Seidenstoff schmiegte sich an ihre Haut, zeichnete die Kurven ihres Körpers nach, ohne etwas preiszugeben. Es war die Kunst der Andeutung – ein Spiel mit Blicken. Clara Morelli, Kunsthistorikerin und Restauratorin – mit einem scharfen Blick für Details, für Echtheit und Täuschung. Ihre Spezialgebiete: barocke Symbolik, geheime Inschriften und lichtempfindliche Schichten auf alten Gemälden. Clara konnte Dinge erkennen, die andere übersehen hätten – und sie wusste, wann man besser schwieg. In der internationalen Kunstszene war sie gefragt – nicht nur für Expertisen, sondern auch für ihre diskrete Art, sensible Informationen zu beschaffen. Manchmal war ihre Ausstrahlung genauso wirksam wie ihre Fachkenntnis. Gleich unterhalb der Post lag die Villa Bellafiori, ein stattliches Anwesen mit hohen Palmen, alten Bäumen und einem weitläufigen Garten, in dem der Morgentau noch auf den Blättern glitzerte. Es war kurz nach acht, und die ersten Sonnenstrahlen fielen schräg über das Gelände, warfen lange Schatten auf die helle Fassade mit den hohen Tessiner Fenstern, hinter denen das Haus langsam erwachte. Die Villa stammte aus dem späten 18. Jahrhundert und war einst Sommerresidenz einer wohlhabenden Industriellenfamilie aus Rom gewesen. Später, nach Jahren des Verfalls, hatte Vittorio Visconti sie übernommen. Er hatte sie nicht nur renoviert, sondern ihr mit sicherem Blick für Kunst und Atmosphäre neues Leben eingehaucht. Sie kannte das Haus und seinen Besitzer sehr gut. Oft hatte er sie hier empfangen, im lichtdurchfluteten Salon mit den hellen Wänden, wo Kunst auf antike Möbel traf, wo Gespräche zwischen Interessenten, Kunsthändlern und Freunden stattfanden – und manchmal auch Diskretes besprochen wurde, Geschäfte, von denen besser niemand etwas wusste. Zwischen Clara und Vittorio hatte es nie klare Grenzen gegeben. Ihre Verbindung war nie ausgesprochen worden, und doch war sie immer da gewesen – gewachsen zwischen Gesprächen über Malerei, Reisen und das, was unausgesprochen blieb. Es war keine Liebe im klassischen Sinn, eher ein stilles Verstehen, eine Nähe, die sich in Blicken und Pausen zeigte, in der Art, wie er ihr ein Glas reichte oder wie sie beim Gehen manchmal seine Hand berührte – beiläufig, und doch nicht zufällig. Er hatte sie gefördert, sicher – ihre Arbeiten gesammelt, Kontakte vermittelt, Türen geöffnet. Aber er hatte nie Besitz von ihr ergriffen. Und vielleicht war es genau das gewesen, was sie bei ihm gehalten hatte: dass sie sich nie verlieren musste, um ihm nah zu sein. Heute aber wirkte alles … sehr seltsam. Die Fensterläden waren geschlossen. Das schwere schmiedeeiserne Tor stand halb offen – etwas, das Clara sofort auffiel. Vittorio war nicht nachlässig. Langsam ging sie den Weg durch den Garten. Der Kies knirschte unter ihren Sohlen, ein kleines Wasserspiel plätscherte leise neben dem Eingang – vertraut wie immer, und doch heute fast geisterhaft. Direkt daneben stand eine Tafel aus hellem Marmor, edel und makellos. Zwei kunstvoll ineinander verschlungene Buchstaben bildeten dominant das Zeichen: V V. Darunter, in drei klar gesetzten Zeilen: Vittorio Visconti Kunsthandel seit 1964 Clara schaute kurz darauf und murmelte: „Typisch Vittorio Visconti.“ Klar und selbstbewusst. Dann stieg sie die drei Stufen hoch. Sie hatte kaum geschlafen. Der gestrige Anruf von Vittorio war kurz gewesen – zu kurz. Nur ein Satz: „Ich muss dir etwas zeigen.“ Mehr hatte er nicht gesagt. Und dann war er nicht mehr erreichbar. Sie blieb vor der großen Eingangstür stehen. Normalerweise hätte Vittorio sie mit seiner typischen Mischung aus Eleganz und Überheblichkeit empfangen, ihr einen ironischen Kommentar zur Uhrzeit gegeben – und sie dann als Erstes nach einem Espresso gefragt. Doch es war still. Clara klingelte. Nichts. Dann klopfte sie. Einmal. Zweimal. Wieder nichts. Ein unangenehmes Gefühl kroch ihr den Rücken hinauf. Sie zögerte nur kurz – dann drückte sie die Klinke.